Herzfrequenzvariabilität – HRV
Das Herz schlägt auch bei einem regelmäßigen Sinusrhythmus nicht in vollkommen identischen zeitlichen Abständen. Die Abstände zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen – die sogenannten R-R-Intervalle – verändern sich kontinuierlich.
Diese Herzfrequenzvariabilität (HRV) wird wesentlich durch Sympathikus und Parasympathikus beeinflusst. Eine angemessene Variabilität gehört zur normalen Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems. Die HRV spiegelt damit die komplexe autonome Regulation der Herzfrequenz wider.
Bei unserer Untersuchung werden die R-R-Intervalle aus dem EKG analysiert. Die technische Auswertung macht sichtbar, wie stark die Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen variieren.
Eine verminderte HRV kann bei entsprechender klinischer Konstellation ein Hinweis auf eine kardiale autonome Dysfunktion beziehungsweise eine eingeschränkte autonome Regulationsfähigkeit sein. Der Befund muss jedoch immer zusammen mit Beschwerden, neurologischem Untersuchungsbefund und möglichen Begleiterkrankungen interpretiert werden.
Sympathische Hautantwort – SHA / SSR
Die sympathische Hautantwort, international häufig als SSR (Sympathetic Skin Response) bezeichnet, untersucht einen anderen Teil des autonomen Nervensystems.
Die Schweißdrüsen der Haut werden sympathisch gesteuert. Eine Aktivierung des Sympathikus führt zu Veränderungen der Schweißdrüsenaktivität und damit des elektrischen Hautwiderstands. Diese Reaktion kann elektrophysiologisch registriert werden.
Die Untersuchung erfasst damit insbesondere die sympathisch-sudomotorische Funktion kleiner autonomer Nervenfasern. Sie kann beispielsweise bei neuropathischen Beschwerden trotz unauffälliger konventioneller Nervenleitmessungen zusätzliche diagnostische Informationen liefern.
Wann kann eine VNS-Analyse sinnvoll sein?
Eine Untersuchung des vegetativen Nervensystems kann insbesondere erwogen werden bei:
- Verdacht auf eine Small-Fibre-Neuropathie
- Brennen, Kribbeln oder anderen unklaren Missempfindungen
- verändertem Schmerz- oder Temperaturempfinden der Haut
- auffälliger Schweißbildung oder vermindertem Schwitzen
- orthostatischen Beschwerden, Kreislauflabilität oder Präsynkopen
- bekannter Polyneuropathie mit zusätzlichen vegetativen Beschwerden
- Verdacht auf eine diabetische autonome Neuropathie
- klinischen Hinweisen auf eine Störung des vegetativen Nervensystems
Gerade bei typischen neuropathischen Beschwerden und gleichzeitig normaler Elektroneurographie kann eine auffällige sympathische Hautantwort den Verdacht auf eine Beteiligung kleiner autonomer Nervenfasern unterstützen. Eine pathologische SHA/SSR allein beweist jedoch keine Small-Fibre-Neuropathie und eine normale Untersuchung schließt diese ebenfalls nicht sicher aus.
VNS-Analyse bei Small-Fibre-Neuropathie
Bei der Small-Fibre-Neuropathie sind überwiegend dünne sensible und autonome Nervenfasern betroffen. Die konventionelle Elektroneurographie untersucht dagegen hauptsächlich größere Nervenfasern und kann deshalb trotz typischer Beschwerden unauffällig bleiben.
Hinweisende Symptome können beispielsweise sein:
Brennende Füße oder Hände, Dysästhesien, Allodynie sowie Störungen der Schmerz- oder Temperaturempfindung. Bestehen zusätzlich vegetative Beschwerden, kann die Kombination aus SHA/SSR und HRV helfen, eine autonome Beteiligung objektivierbarer zu machen.
Bei einem auffälligen Befund können sich abhängig von der individuellen Situation weitere Untersuchungen anschließen. Dazu gehören beispielsweise eine gezielte Labordiagnostik, eine Hautbiopsie zur Bestimmung der intraepidermalen Nervenfaserdichte oder eine weiterführende autonome Funktionsdiagnostik.
Müdigkeit, Long-Covid und ME/CFS
Auch bei Patienten mit Long-Covid oder ME/CFS werden teilweise Beschwerden beschrieben, die auf eine Störung der autonomen Regulation hinweisen können, beispielsweise Kreislaufprobleme, Herzfrequenzveränderungen oder eine eingeschränkte orthostatische Belastbarkeit.
In einer solchen Konstellation kann eine Untersuchung autonomer Funktionen ergänzende Informationen liefern. Die VNS-Analyse ist jedoch kein spezifischer Test für Long-Covid oder ME/CFS und kann diese Erkrankungen alleine weder bestätigen noch ausschließen.
Insbesondere bei isolierter Müdigkeit ohne weitere Hinweise auf eine autonome Funktionsstörung ist der diagnostische Nutzen von HRV und SHA/SSR begrenzt. In diesem Fall sollten zunächst andere mögliche Ursachen der Müdigkeit abgeklärt werden. Diese Einschränkung entspricht ausdrücklich dem von Ihnen hochgeladenen diagnostischen Schema.
Was passiert bei einem auffälligen Befund?
Die VNS-Analyse ist keine isolierte Diagnostik, sondern Bestandteil einer neurologischen Gesamtbeurteilung.
Zeigt die Untersuchung Hinweise auf eine autonome Funktionsstörung, können je nach Beschwerden beispielsweise weitere Untersuchungen sinnvoll sein:
Blutdruck- und Herzfrequenzmessungen im Liegen und Stehen, eine aktive Stehprobe bzw. ein Schellong-Test, Langzeit-EKG oder 24-Stunden-Blutdruckmessung sowie bei entsprechender Fragestellung eine Kipptischuntersuchung oder die Vorstellung in einem spezialisierten autonomen Zentrum.
Bei Verdacht auf eine Small-Fibre- oder autonome Neuropathie kann außerdem eine gezielte Suche nach behandelbaren Ursachen erfolgen, beispielsweise nach Stoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Vitaminmangel, Autoimmunerkrankungen oder bestimmten Paraproteinämien.